Pflanzensteckbrief: Der Giersch

Kaum liegt das Scharbockskraut welk und gelb am Boden, dominiert Gevatter Giersch, botanisch Aegopodium podagraria, den Wald- und Wegesrand und manche Gartenecke. An Eigenschaften, die ihn für die Top Ten der heimischen Pflanzenwelt prädestinieren, mangelt es ihm nicht: Heil- und Nahrungsmittel seit der Steinzeit, von sandig bis lehmig in allen Böden zufrieden, blattgesund, winterhart, resistent gegen Staunässe, Schatten oder gleißende Sonne. Schnecken lassen ihn unberührt, Schädlinge kennt er nicht. Im Juni/Juli schweben seine weißen, duftigen Blütendolden anmutig in  60 bis 100 cm Höhe; er ist die perfekte Staude für den hinteren Beetbereich. In einem trockenen Frühjahr wie diesem schützt er als Bodendecker das Beet vor Trockenheit. Wäre der Giersch ein Rittersporn oder eine Teerose, es würden sich wohl alle Hobbygärtner nach solch einem Gartenjuwel verzehren.
Aber da ist das winzige Problem seiner vegetativen Vermehrung, das diese Starqualitäten in den Hintergrund rückt. Über sein weit und tief wucherndes Rhizom drängt der Giersch sich auf und akzeptiert kein Nein. Ob er aus Nachbars Garten, dem angrenzenden Feldrand oder als blinder Passagier mit einer neuen Pflanze in den Garten einzieht – er macht sich breit. Wo er einmal ist, kann man viel Gierschsalat essen. Seine jungen Blätter werden schon seit Jahrtausenden als Rohkost geschätzt, sie enthalten u.a. Vitamin C (mehr als Zitronen und Orangen), Magnesium und Eisen. Im Salat ersetzen sie dem Feinschmecker schon mal den Radicchio. Wer im Wald sammelt, sollte allerdings genau hingucken, denn der giftige Gefleckte Schierling sieht dem Giersch ähnlich.
Man kann die größeren Blätter des Giersch auch dünsten, als Spinatersatz macht er sich gut. Was den Koch freut, ärgert den Gärtner: schneidet man seine Blätter ab, bildet die produktive Pflanze freudig neue, Nachschub in der Küche heißt auch Plagegeist im Beet. Hier ist Ausdauer gefragt: Entweder alles mit Stumpf und Stiel ausgraben und kein Fitzelchen vergessen, oder stetig mehr Blätter ernten als wachsen können, dann hat man’s irgendwann geschafft, das gesunde Blattgemüse versiegt, aber das Beet ist wieder schier, wie der Schleswig-Holsteiner es gerne ausdrückt. Kann Jahre dauern, doch wir alle wissen ja: Der Weg ist das Ziel!

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